Gegenwart
Der Schriftsteller schreibt "Vaterland ist die Olive, die du gepflegt, die du mit deinen Händen für deine Kinder belebt hast. Für den Fortbestand der Generation, die deinen Namen trägt. Aus dir selbst besteht der Olivenbaum". Diese tiefgründige Beziehung erlebt der Besucher überall auf der Insel. LESBOS befindet sich heute im Zustand der Neuorientierung unter sich ständig wandelnden Rahmenbedingungen, an die sich die Insel anzupassen bemüht.
Auch LESBOS erlebt das Zeitalter der Globalisierung der Wirtschaft und des wachsenden Wettbewerbsdrucks, aber die Handelswege zu den traditionellen Absatzmärkten der Insel, der Türkei, Russland, Rumänien, Ägypten, sind heute nicht mehr zugänglich. Deswegen halten sich auf der Insel auch keine britische, französische, deutsche Unternehmer und Konsule mehr auf. Das Olivenöl von LESBOS befindet sich zwar unter dem Schutz der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union, aber sein Absatzweg zu den Märkten von New York, Melbourne oder Tokio ist weit und schwierig.
Die Insel ist nach wie vor ein kleines, verstecktes Paradies. Die Landschaft hat ihre Schönheit, wie sie in den Buchern der fremden Reisenden aus dem 18. Jahrhundert beschrieben wird, bewahrt. Sie ist glücklicherweise nicht der "Modernisierung" zum Opfer gefallen, wie andere Reiseziele im Mittelmeer. Die silbergrünen Olivenhaine wirken ernsthaft aber gleichzeitig unbeschwert freundlich, und reichen vom Wellenschlag an der Küste bis zu den Pinienbäumen der Berge hinauf. Die Oliven und die Terrassenstufen halten das gesamte Ökosystem zusammen. Wenn sie aufgegeben werden, verringert sich die Bodenerde von 30 cm auf nur 5 cm, die Pflanzendecke von 47 auf 28 Prozent und die Anzahl der Pflanzenarten von 12 auf 6.
Die Einwohner haben den Charakter der Olive bewahrt. Sie sind offenherzig, freundlich, würdevoll und gleichzeitig für Späße empfänglich, mit scharfsinnigen Humor, freiem Geist und stets auf der Suche. Die Traditionen sind im Alltag lebendig geblieben und nicht zur Folklore verkommen. Der lokale Dialekt wird immer noch gesprochen und lässt jedes Gespräch ein frohes Fest werden. Besonders in Begleitung mit ein wenig Ouzo und lokalen Köstlichkeiten. Selbst die Liebe wird vom Dichter mit der Sprache der Oliven ausgedruckt: "Ich erblickte seine Augen. Ich erblickte alte Olivenhaine". Die Rolle der Frau bleibt ehrwürdig, auf der höchsten Stufe der Gesellschaft. Sie genießt einen hohen Grad an Gleichstellung und Freiheit, die mit den "Vorbildern des Orients" nichts gemeinsam haben. Dies drückt sich im Alltäglichen und im Einfachen aus. So wird der Vorname nicht vom Vaternamen begleitet, sondern vom Namen der Mutter. Man spricht nicht vom Stratis des Christos, sondern vom Stratis der Eleni! Schließlich ist auch die Olive in der griechischen Sprache weiblichen Geschlechts.
die Olive...

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Die Olive ist auch heute noch Hauptgegenstand der Gespräche und wichtigste Beschäftigung aller Einwohner sowie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ringsum hört man die Frage "Was wird heuer mit dem Öl?". Die durchschnittliche Produktion erreicht jährlich etwa 20.000 Tonnen, allerdings mit starken Schwankungen je nach Ertragslage. Die 11 Millionen Olivenbäume verteilen sich auf 45.000 Hektar, das sind 79% des kultivierten Bodens und 28% der Gesamtfläche der Insel. Den 11 Millionen Bäumen stehen 87.000 Einwohner entgegen, d.h. 126 Bäume pro Einwohner. Dies ist mit Abstand das höchste Verhältnis weltweit. Der Durchschnitt für Gesamtgriechenland beträgt 9,5 Bäume pro Einwohner, für Italien 3,0 und für Spanien 5,4. Es gibt keinen Mytiliner, unabhängig von seiner Beschäftigung, der nicht seine eigenen Olivenbäume besitzt, sei es auch nur um das Öl für den eigenen Gebrauch, für seine Familie, seine Kinder, die studieren oder in Athen geheiratet haben, zu gewinnen. Hiermit wird aber gleichzeitig auch ein großes Problem deutlich. Die Auswanderung, der Aderlass der Jugend von der Insel. Die Bevölkerung verringerte sich von 120.000 Einwohnern im Jahre 1950 auf weniger als 90.000 heute. Hinzu kommt, dass sich die Olivenhaine zur Hälfte in gebirgigen Regionen befinden.Der Zugang ist schwierig, häufig nur auf Tieren möglich, die Arbeiten hart und mühevoll. Die Umstände der Olivenernte sind unverändert geblieben, nur mit Handarbeit und geringer Hilfe von tragbaren Geräten möglich. Dies bedeutet zwar, dass das erzeugte Olivenöl alle Eigenschaften des "natürlichen" und "reinen" Agrarerzeugnisses besitzt, aber nur zu einem höheren Preis erzeugt werden kann, als Produkte aus Olivenhainen, die auf Tausenden von Hektar flacher Ebene verteilt eine "Massenproduktion" ermöglichen. Dies lässt sich auch anhand der eingesetzten Düngemittel belegen. Der Stickstoffgehalt übersteigt nicht 100 gram pro Baum, ein geringer Anteil gemessen an Konzentrationen, die anderswo festzustellen sind. Entsprechend mäßig ist auch der Einsatz von Pflanzenschutzmittel und Pestiziden. Eine andere Eigenschaft, die zur guten Qualität beiträgt, ist die Kombination einer großen Anzahl moderner Ölmühlen und der Vielzahl von Kleinbauern. Dies hat zur Folge, dass die Frucht sofort gepresst wird, der Bauer beim Verarbeitungsverfahren anwesend ist und er die Qualität beeinflussen kann.
Das Netz der Genossenschaften, ihr Verband, aber auch viele der privaten Ölmühlen verfugen über ausreichenden Raum zur Zwischenlagerung des Öls unter einwandfreien Bedingungen nach der Pressung der Frucht. Die Lagerung in Fässern ist endgültig überkommen. Von den Ölmühlen wird das Öl in Tankwagen entweder zu den Verarbeitungsbetrieben auf der Insel, aber auch über Handelsmakler und Händler zu Betrieben in Restgriechenland oder zum Export nach Italien - sowie in den letzten Jahren auch nach Spanien - verbracht.
Zweck und Sinn
Zweck und Sinn des Schutzes der EU-Ursprungsbezeichnung oder der geographischen Angabe von Agrarerzeugnissen hätten wohl keine passendere Anwendung als auf LESBOS finden können. Das Jungfernöl von LESBOS ist von der Europäischen Union nach der Verordnung 1107/96 unter den Produkten mit geschützter geographischer Angabe eingetragen worden. Die besonderen Eigenschaften des Jungfernöls werden hier auf die natürlichen Bodenbedingungen, das Klima, die Olivensorten aber auch auf den menschlichen Faktor zurückgeführt. Diese zusammenhängende Entwicklung, die wir hier verfolgt haben, wird vom Schriftsteller folgendermaßen beschrieben: "Aus den gequälten Stämmen der Olivenbäume entspringt die Geschichte unserer Insel. Die Oliven sind mit unseren eigenen, menschlichen Stimmen beladen".
Für uns Außenstehenden, Kennern und entfernten Teilnehmern, trägt diese Geschichte jene Bedeutung, die ihr der Dichter verleiht: "Mich Reisenden wirst du beherbergen. Auf der Tischdecke ausbreitend, das Brot, die Oliven und das Gewissen".
DIE QUELLEN:
• ELIAS POLYCHNIATIS, Chemische Eigenschaft und Reaktion des Olivenöls von LESBOS. DORA PARISSI Ägäische Kost. THANASSIS PARASKEVAIDIS (der Autor), Olivenbäume und die Außenkämpfer auf LESBOS. ODYSSEAS ELYTIS (der Dichter), Verschiedene Auszüge aus Sammlungen. NIKOS ZOURARIS (N.Z.), Auszug aus Artikel. SIFNAIOU EVRIDIKI, LESBOS, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. (1996) NIKOS SIFOUNAKIS, Industriegebäude auf LESBOS. (1986) 2.FACHHOCHSCHULE Mytilini & BILDUNGS- UND RELIGIONSMINISTERIUM, Olivenöl: Quelle des Lebens und Wohlstands für LESBOS und das Mittelmeer. (1999) STRATIS ANAGHNOSTOU, Der griechisch-türkische Krieg 1897 und Ruckwirkungen auf LESBOS. (1997) Kongressunterlagen, Der Olivenbau auf LESBOS im neuen Jahrhundert (Plomari 1998)
UND DIE MENSCHEN:
Stratis Tsirtsis, Landwirt. Kostas Karkalas, Lehrer. Familie Koutzi, Dimitris Demertzis, Antiquitätenhändler, Stratis Vlastais, Betriebswirt. Nikos Zouros, Dr. Geologe. Stratis Chatzivassiliou, Genossenschaftsmitglied.