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Das goldene Zeitalter


In den nachfolgenden Jahrzehnten floriert die Wirtschaft auf LESBOS. Die Insel erlebt ihren sozialen, politischen und kulturellen Höhepunkt, wozu verschiedene Ursachen und Umstände beitragen. Obwohl sich weiterhin ein Drittel des Bodens in türkischem Besitz befindet, wird die Landwirtschaft ausschließlich von Griechen betrieben. Die übermäßige Besteuerung wird durch die Erträge der neuen Olivenbäume kompensiert. Der technische Fortschritt und die Dampfmaschinen ziehen die Industrialisierung der Produktion nach sich.

 

Alte Ölmühlen, von Menschen oder Tieren angetrieben, werden zugig durch moderne dampfbetriebene Mühlen, im Volksmund einfach "Maschinen" genannt, ersetzt. Das Pressverfahren als solches bleibt zwar unverändert, es wird aber eine deutliche Verminderung der erforderlichen Bearbeitungszeit und bedeutend höhere Erträge erzielt. Die Kerne, Nebenprodukte der Olivenverarbeitung, finden Verwendung als günstiger und reichhaltig vorrätiger Brennstoff. Neue Betriebe zur Verarbeitung der Nebenprodukte entstehen. Hierzu gehören z.B. die Kerne, aber auch die Seife aus Olivenöl, ein bekanntes und auf Auslandsmärkten stark gefragtes Produkt. Ein Wettbewerb um die Einfuhr der besten Maschinen aus England wird ausgelöst.

 

Gleichmäßig mit der Industrie blüht auch der Handel, dessen Volumen sich zwischen 1850 und 1910 verfünffacht, angetrieben von zwei Produkten, dem Olivenöl und der Seife, die etwa 70% der Ausfuhren ausmachen. Mercante d'Olio, Mercante d'Oro. Der überwiegende Anteil des Olivenöls wird nach Marseille (1/3) und nach England (1/4) geliefert. Mit fortschreitender Verbesserung der regionalen Küstenschifffahrt kommen weitere Zielmärkte hinzu (z.B. Konstantinopel u.a.). Russland ist stets ein bedeutender Abnehmer des Öls, wo es für die Ikonenlichter in den Kirchen verwendet wird.

 

Der Hafen von Mytilini erhebt sich zu einem bedeutenden Umschlagplatz. Die Ägäis ist gleichwohl ein vielbefahrenes Binnenmeer. Täglich verkehren griechische und türkische Seeleute, Arbeiter, Händler und Industrielle zwischen Mytilini und der gegenüberliegenden Küste bei Ayvalik.



wirtschaftliche Blüte



Die wirtschaftliche Blüte bringt allgemeinen Wohlstand mit sich. Alle Überlieferungen aus dieser Zeit zeugen von der Vornehmheit der Mytiliner, ihren feinen Geschmackssinn und ihrer Zuneigung für die Künste. Aus der Exportorientierung im Handel und der Vielzahl erfolgreicher Emigranten entwächst auf der Insel eine weltoffene bürgerliche Gesellschaft. Alle wichtigen Nationen unterhalten zu dieser Zeit Konsulate in Mytilini, das sich in eine Kleinabbildung einer europäischen Metropole verwandelt hat. Knapp 17.000 Einwohner zählt die Stadt und sie ist voll von Herrenhäuser, die von ihren Besitzern mit den besten Möbeln aus Europa ausgestattet werden. Mytilini hat zu dieser Zeit acht Kirchen, ein Hospital, vier Schulen (wovon eine französische), Gymnasien, zwei Theater, zwei Lichtspieltheater, Klubhäuser, Vereine u.a. Auf den Straßen verkehren Automobile, die Stadt wird mit Stadtgas beleuchtet, der Briefverkehr von ausländischen Postgesellschaften und vom Telegraphenamten bedient. Luxushotels und berühmte Kurbäder ergänzen das Stadtbild. Insgesamt sechs Zeitungen und zehn Zeitschriften werden herausgegeben und bitten der sozialen und ideologischen Unrast dieser Zeit eine Zuflucht.


Diese konzentriert sich auf das Streben nach nationaler Befreiung. Ein Verlangen, das bereits seit 450 Jahren besteht und sich bei jeder Gelegenheit äußert. So z.B. nach dem vernichtenden Erdbeben von 1867, als das griechische Kriegsschiff "Salamis", das Hilfsgüter bringt, von den Einwohnern der Insel mit den rührenden Worten begrüßt wird "Tausende von Erdbeben lasst uns erleben, Tausende von Toten, aber lasst uns nicht vergönnt sein, den Tag der Wiedervereinigung mit Griechenland erleben zu dürfen". Fremde Reisende des 19. Jahrhunderts berichten, dass bis zum Zeitpunkt des Anschlusses an Griechenland Ausgrabungen auf der Insel von den Einwohnern verhindert wurden. Nach dem Raub der Skulpturen von Pergamon wurde erst recht kein einziger Spatenstich mehr zugelassen.

 

Im November 1912 läutet die große Stunde der Befreiung der Insel vom türkischen Joch und des Anschlusses an den freien hellenischen Staat. Aber wie aller schöne Dinge, so konnte auch das goldene Zeitalter nicht ewig halten. Der große Schlag kommt mit der Kleinasiatischen Katastrophe von 1922, als Massen verelendeter Flüchtlinge die Insel erreichen. Es folgt der Wirtschaftskrach von 1929 und der Zweite Weltkrieg. Mittlerweile ist LESBOS zu einer entfernten Randprovinz des griechischen Kopfstaates um Athen verkommen. Die Not der Einwohner - es fehlt nunmehr selbst an elementaren Nahrungsmitteln - wird abermals aus der Ölproduktion gedeckt. Das Olivenöl der Insel darf allerdings zeitweise nicht ausgeführt werden oder es wird durch die Konkurrenz billiger Samenöle, die unter anderem auch als kostenlose Hilfslieferungen angeboten werden, verdrängt.